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19 juni 2024

Psychische Probleme haben oft mit unserem Arbeitsumfeld zu tun oder äußern sich dort. Das nehmen immer mehr Unternehmen ernst und unterstützen die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeitenden, indem sie Onlinesitzungen mit Psycholog:innen organisieren.

Der schönste Tag des Jahres 2022 war für mich der, als ich mit einem Freund in seinem kleinen grünen Subaru über holprige Landstraßen durch die ungarische Landschaft tuckerte, ein paar Stunden Fahrt von meinem Wohnort Budapest entfernt. Es war Juni, die Sonne schien, und überall blühte der Holunder – das war auch der Grund für unseren Ausflug. Mit einer Heckenschere bewaffnet stieg ich irgendwo neben einer Wiese aus und machte mich auf die Suche nach den duftenden weißen Büschen. Am Ende des Tages kehrten wir mit zwei großen Ikea-Taschen voller Holunderblüten zurück nach Hause; meine Latzhose war vorne ganz gelb vom Blütenstaub, und ich glücklich.

Inneres Blumenpflücken

In dem Buch Tomorrowmind, geschrieben von der Ärztin Gabriella Rosen Kellerman und dem Psychologen Martin Seligman, stieß ich später auf einen Erklärungsansatz für das Glücksgefühl, das ich an diesem Tag verspürte: Von allen Aufgaben, die es gibt, ist mein Kopf scheinbar am besten zum Pflücken wilder Blumen geeignet. Denn die Entwicklung des menschlichen Gehirns verläuft langsam; evolutionär betrachtet haben wir sozusagen erst vor Kurzem begonnen, unseren Lebensunterhalt auf moderne Art und Weise zu verdienen. 200 000 Jahre lang waren wir Jäger:innen und Sammler:innen (was in der Praxis vor allem bedeutete, Wildpflanzen zu pflücken), dann 10 000 Jahre lang Bäuerinnen und Bauern. Erst vor 300 Jahren begann das Industriezeitalter, in dem sich unser Arbeitsall- tag allmählich dahin veränderte, wie wir ihn heute als moderne Menschen des 21. Jahrhunderts kennen.

Ein normaler Arbeitstag in meinem Leben sieht – wie bei wahrscheinlich vielen anderen auch – ganz anders aus als jener Tag im Juni: Ich verbringe ihn in der Regel allein und sitze die überwiegende Zeit am Computer. Wenn über- haupt, gehe ich nur für einen kurzen Spaziergang durch die städtische Umgebung vor die Tür. Nachdem ich viel gearbeitet habe, kann ich mich nur selten aufraffen, Leute zu treffen, und verbringe abends deshalb noch mehr Zeit alleine. Diese Umstände hätten eine unmittelbare Auswir- kung auf mein psychisches Wohlbefinden, argumentiert Martin Seligman. Würde ich hingegen jeden Tag mit einem Freund Holunderblüten ernten, ginge es mir viel besser.

Dass unser tägliches Arbeitsumfeld einen großen Einfluss auf unsere Psyche hat, erkennen zum Glück immer mehr Unternehmen. Gleichzeitig wächst das Verständnis für psy- chische Beschwerden, und es gibt ein Bewusstsein dafür, dass wir uns auch dann innerlich schlecht fühlen können, wenn wir produktiv arbeiten oder unsere Kolleg:innen mit einem fröhlichen „Hallihallo!“ begrüßen. Oft liegt das an Faktoren im Privatleben, mit denen umzugehen gerade schwerfällt und die dann wiederum ins Arbeitsumfeld hin- überschwappen. So oder so können wir mental beein- trächtigt sein, ohne an einer Krankheit zu leiden, sagt die Psychologin Helen van Empel. „Die Vorstellung, dass man entweder ‚etwas hat‘ oder nicht, ist heutzutage überholt.“

Aus diesem Grund hat van Empel 2020 das Unternehmen Yet gegründet, das psychologische Hilfe in einzelnen Onlinesitzungen anbietet. Zu den Kunden zählen neben Privatpersonen auch immer mehr Arbeitgebende, denen die mentale Gesundheit ihrer Angestellten am Herzen liegt. Sie können über die Plattform eine Therapiestunde mit zertifizierten Psycholog:innen für ihre Mitarbeitenden buchen, wenn deren Probleme über das hinausgehen, was sich im Arbeitskontext lösen lässt. Das Besondere: Schon ein einziges vertrauliches Gespräch mit den Expert:innen soll dabei helfen, die aktuelle Situation zu verbessern.

Kurz und Konzentriert

Die Methode, in einer einzigen Sitzung Problemen auf den Grund zu gehen und die mentale Gesundheit nachhaltig zu stärken, fußt auf der sogenannten Single Session Therapy. Der Ansatz geht auf Beobachtungen des amerikanischen Therapeuten Moshe Talman zurück, der als Pionier für die Therapieform gilt. Er stellte fest, dass viele Klient:innen schon nach einer effektiven Therapiesitzung von wichtigen Erkenntnissen und signifikanten Veränderungen berichten. Eine gut geplante Sitzung könne dabei helfen, Probleme besser zu verstehen, neue Perspektiven zu gewinnen und konkrete Handlungsstrategien zu entwickeln. „Natürlich gibt es feine Unterschiede“, betont van Empel. „Psychologische Probleme können den gesamten Bereich des Denkens, Fühlens und Verhaltens betreffen und bewegen sich innerhalb eines breiten Spektrums, von einem leichten Unbehagen bis hin zu ernsthaften psychiatrischen Problemen. Zu mir kommen hauptsächlich Betroffene, bei denen es im Großen und Ganzen glatt läuft und nur hier und da hapert. Es geht also nicht um die Frage, ob man unter einer Krankheit leidet oder nicht, sondern darum, aus einer momentanen Sackgasse herauszufinden.“

Da die Arbeit einen großen Teil unseres Lebens ausmacht, haben unsere Probleme entsprechend häufig mit unserem Arbeitsumfeld zu tun, oder sie äußern sich dort zuerst. Die Umgebung, in der wir uns täglich bewegen, interagiert mit unserer Geschichte, unseren Genen und unserer sozialen Unterstützung. Nehmen wir zum Beispiel mich: Vor ein paar Jahren war ich eine Zeit lang ziemlich überarbeitet, seitdem kann ich Stress körperlich schlechter regulieren (Geschichte). Außerdem bin ich – wie meine Mutter und meine Schwester – von Natur aus nicht gut im Planen (Gene), was für mich als Freiberuflerin manchmal schwierig sein kann, weil ich für mehrere Auftraggebende arbeite und mich selbst organisieren muss. Hinzu kommt, dass mein Stresslevel leicht erhöht ist, weil ich von zu Hause aus arbeite und daher tagsüber keine menschlichen Kon- takte habe (Umwelt), während mein stabiles soziales Netzwerk eine Art natürlichen Schutz gegen Stress bietet (soziale Unterstützung). Unterm Strich ist es also kein Wunder, dass ich mich manchmal in Stress Gefühlen und Grübeleien verheddere. Das heißt aber nicht, dass ich unter einer psychischen Erkrankung leide oder bei mir zwingend eine dauerhafte Therapie angesagt ist.

Kipp-Punkte vermeiden

„Ab und zu aus dem Gleichgewicht zu geraten ist total normal“, beruhigt mich Helen van Empel. „Und es ist gut, wenn man sich dann sofort an jemanden wenden und Hilfe bekommen kann, bevor ein Kipp-Punkt erreicht wird und man dauerhaft unter mentalen Problemen leidet. Bei körperlichen Beschwerden ist das längst gang und gäbe. Hält ein Husten länger als ein paar Tage an, gehen wir zum Arzt. Wir warten in der Regel nicht, bis wir so krank sind, dass wir ganz ausfallen. Bei psychischen Beschwerden gab es diesen niedrigschwelligen ersten Schritt lange Zeit nicht. Betroffene haben sich erst dann Hilfe gesucht, wenn sie wirklich nicht mehr konnten.“

Vor allem jüngere Beschäftigte im Alter bis zu 35 Jahren gehen heute viel offener mit ihrer psychischen Gesundheit um, auch am Arbeitsplatz. Das beobachtet auch Patrick Callahan, der die Plattform Psyned gegründet hat, die – so wie Yet – Therapiesitzungen mit Expert:innen vermittelt. Für ihn ist das einer der Gründe, warum immer mehr Arbeitgebende solche Dienste in Anspruch nehmen: „Mir fällt auf, dass Führungskräfte nicht mehr nur davon ausgehen, dass Probleme in ihren Teams von der Arbeit selbst herrühren müssen. Wir wissen inzwischen, dass alle möglichen Faktoren Einfluss darauf haben können, wie wir uns bei der Arbeit fühlen und verhalten. Immer mehr Unternehmen bezahlen mittlerweile eine Therapie für ihre Mitarbeitenden, weil sich individuelle Probleme auch auf die Arbeitsatmosphäre im Allgemeinen auswirken können, also auch auf Kolleg:innen, und letztlich auf die gesamte Produktivität sowie den Erfolg eines Unternehmens.“

Mit Fachleuten reden

Auch der Arbeitgeber von Peggy, mit der ich am Telefon spreche, bietet diese Art von Hilfe an. „Ich hatte das Bedürfnis, einfach mal mit jemandem zu reden, weil ich in der Vergangenheit schon einmal unter Depressionen gelit­ ten habe und eine Zeit lang emotional aus dem Gleich­ gewicht war“, sagt sie. „Meine Befürchtung war groß, eventuell wieder in eine Depression abzurutschen. Ich kann mit Freundinnen darüber sprechen, klar, aber manchmal brauche ich einen Profi mit dem nötigen Fachwissen als Sparringspartner.“ Peggy erhielt innerhalb einer Woche einen Termin: Ihr Arbeitgeber arrangierte ihn diskret für sie. „Nach der Sitzung war ich beruhigt und hatte konkrete Rat­ schläge erhalten, die ich sofort umsetzen konnte. Ich bin sehr froh, dass mein Arbeitgeber so mitdenkt. Hoffentlich bieten bald alle Unternehmen solche Möglichkeiten an.“

Tatsächlich lässt sich eine Entwicklung in diese Richtung erkennen. In Europa, allen voran in Schweden und den Niederlanden, gibt es immer mehr Unternehmen wie Yet

und Psyned. Auch in und für Deutschland finden sich nied­ rigschwellige Angebote für psychologische Hilfe. Yet­ Gründerin Helen van Empel berichtet etwa, dass sie ihre Sitzungen längst nicht mehr nur auf Niederländisch und Englisch anbieten, sondern zum Beispiel auch auf Pol­ nisch, Spanisch, Türkisch und eben Deutsch. Andere Adressen, die mentale Gesundheit am Arbeitsplatz stärken wollen, sind Likeminded, MindDoc, nilo.health oder Open­ Up. Eine kurzfristige und unkomplizierte Unterstützung,

die das Gesundheitssystem umgeht und zugleich entlas­ tet, weil lange Wartezeiten vermieden werden. „Bei uns bekommt man oft schon am nächsten Tag einen Termin, und auf jeden Fall innerhalb von 48 Stunden“, sagt Helen van Empel. Dass es immer mehr Angebote in diese Rich­ tung gibt, zeigt, dass immer mehr Unternehmen die Rele­ vanz von mentaler Gesundheit anerkennen. Nicht zuletzt natürlich auch deshalb, weil eine Kurztherapie wesentlich günstiger ist als Langzeitausfälle.

Wieder mehr Aufblühen

Dennoch gehe es nicht nur darum, Burn­outs zu vermei­ den und die Produktivität sicherzustellen, betont van Empel. „Arbeit bedeutet auch, gemeinsam etwas Sinnvol­ les zu tun. Neben einer gesunden Beziehung zu sich selbst ist auch die zu den Kolleg:innen von Bedeutung.“ Sie gibt ein Beispiel: „Die Leute kommen häufig zu mir, weil sie sich angespannt fühlen, und bitten mich darum, ihnen einige Entspannungsübungen zu zeigen. Wenn ich nach­ hake, stellt sich oft heraus, dass die Beschwerden mit einem Konflikt mit einem Kollegen oder einer Vorgesetzten zusammenhängen. Dann rate ich ihnen, mit dieser Person zu sprechen, um die Situation zu ändern. Sonst meditiert man sich am Ende ins Unglück.“

Selbstverständlich, betont Helen van Empel, brauchen manche Menschen eine regelmäßige gesundheitliche Betreuung, zum Beispiel in Form einer Psychotherapie. Ein paar vom Arbeitgebenden arrangierte Sitzungen sind bei ernsthaften psychischen Problemen natürlich nicht die Lösung. Aber dass es vielen guttut, einige Gespräche (oder auch nur ein effektives) mit einer psychologischen Fachperson zu führen, kann ich gut nachvollziehen. Es erleichtert mich, mir klarzumachen, dass wir alle von Zeit zu Zeit in eine Sackgasse geraten. Durchhänger gehören zum Leben dazu und es gibt so viele Faktoren, die sie aus­ lösen können. Und mit diesem Wissen kann ich das Gefühl leichter abschütteln, dass mit mir etwas „nicht stimmt“, wenn ich mich gerade ganz und gar nicht so glücklich fühle wie an jenem schönen Tag im Juni.